Der Spätsommer in der TCM – das Erd-Element, Zentrierung in der Mitte

von TCMlerin

Wir nähern uns Tag für Tag mehr dem Spätsommer. Ich erinnere mich, dass ich als Teenie diese Zeit gar nicht mochte. Es war eine Zeit des Übergangs: Der Urlaub war vorbei, die Sommerferien waren fast zu Ende und ein neues Schuljahr stand vor der Tür. Eine Zeit der Reflektion und des Innehaltens – durchaus eine Herausforderung für mich als junges Mädchen. Denn der Sommer hätte für mich am liebsten das ganze Jahr angedauert…

Der Spätsommer beschreibt eine Zeit der Wertschätzung und des Verweilens. Sie ist eine Zwischenzeit, die uns einlädt die Fülle des Sommers zu feiern und die Veränderung in Richtung „Vollendung“ dankbar geschehen zu lassen.

Die Getreidefelder sind bereits abgeerntet. Dafür türmen sich an den Straßenrändern schon die ersten Kürbisse. Das Licht ist nicht mehr so kraftvoll und energiegeladen wie zu Zeiten des Hochsommers und erinnern schon an erste Herbsttage. Die Tage werden deutlich kürzer. Das Grün der Buchenblätter leuchtet nicht mehr so satt und kraftvoll wie noch vor einem Monat. Das ist das Bild, das uns der Spätsommer schenkt: Gefüllte Apfelkörbe, Kürbisfeste, Federweiser mit Flammkuchen, Sonnenblumenfelder und das Herz voller Erinnerungen an einen fantastischen Sommer.

Erde und Spätsommer 

Der Spätsommer entspricht in der TCM der Wandlungsphase Erde. Wie passend: Ist es doch die Erde, die uns täglich reich beschenkt und uns all ihre Schätze und Weisheiten offenbart. Sie repräsentiert Reifung, Ernte und Sammlung. Die Erde steht für das mütterliche Prinzip des Nährens und der Fürsorge. Sie erinnert uns daran, dass ALLES bereits da ist und dass wir aus dem Wissen von Mutter Natur schöpfen können, um wieder in unserer eigenen Mitte anzukommen. Die Erde bringt immer wieder Neues hervor. Und da wir Teil des Großen Ganzen sind, werden wir immer wieder auch eingeladen, bewusst Teil des Wandels zu sein und aus den einzelnen Phasen Kraft zu schöpfen.

Die Wandlungsphase Erde hat in der TCM einen ganz besonderen Stellenwert. Denn sie hat noch eine weitere Rolle:

Erde und Dojo-Zeit

Zwischen den einzelnen Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es immer eine 10tägige Zeit des Übergangs, die ebenfalls dem Erd-Element zugehörig ist. Sie ermöglicht es uns, sanfter von einer Phase in die nächste zu gleiten. Diese Schwellenzeit wird in der TCM Dojo-Zeit genannt und eignet sich ganz besonders, sich körperlich und geistig von sämtlichem Ballast zu befreien. Die Dojo-Zeit lädt uns ein, innezuhalten und nachzuspüren, was wir gerne „vollenden“ möchten und was wir gerne in die nächste Jahreszeit mitnehmen möchten. In dieser Schwellenzeit tut es unserem Körper besonders gut zu fasten und die Verdauung zu entlasten. Ich habe hier einen eigenen Blog-Beitrag verfasst.

Die Erde und das YIN

Die Erde hat wie das Yin verbindende Qualitäten. Denn sie verbindet die einzelnen Jahreszeiten miteinander und baut dadurch Brücken von einer zur nächsten. Diese verbindenden Qualitäten haben in der TCM eine große Bedeutung.

In vielen Schriften wird sogar davon ausgegangen, dass eine starke Mitte die Fähigkeit hat 1000 Krankheiten zu heilen.

Manche TCM-Ärzte haben sich deshalb darauf fokussiert, ausschließlich das Erd-Element zu therapieren. Denn eine starke Mitte wirkt sich auf alle anderen Elemente und deren Organe harmonisierend aus. Das Erd-Element wird innerhalb des Kreislaufs der Wandlungsphasen häufig in der Mitte dargestellt, um seine besondere Rolle zu verdeutlichen.

Milz und Magen

Die zur Erde gehörenden Organe Milz und Magen werden in der TCM auch als unsere Mitte bezeichnet – auch weil sie in der Mitte des Körpers im sogenannten mittleren Erwärmer Zuhause sind.

Es ist leider Teil unseres Zeitgeists geworden, dass bei vielen Menschen die Mitte geschwächt ist. Oft fehlt es uns an Verlässlichkeit und Rhythmus, aber auch an Nahrung, die uns stärkt – wozu neben physischer Nahrung auch emotionale und geistige Nahrung zählt. Denn es ist unsere Mitte, die auch unseren Lebensstil, unsere Gedanken, Meinungen und Verhaltensmuster verdauen muss – aber auch alles, was von Außen (Yang) das Innere (Yin) beeinflusst = zu viel Input. Denn zum Seelenaspekt der Wandlungsphase Erde gehört das „Yi“, welche das Nachdenken, Lernen aber auch unsere Empathie umfasst. Wenn wir viel grübeln, uns im Kreis drehen, aber auch wenn wir uns in Phasen des intensiven Lernens begeben, dann wird unsere Mitte besonders beansprucht.

Der Bauch – insbesondere die Milz – liebt es warm, süß und trocken. Der Yang-Partner der Milz – der Magen – liebt es  feucht während die Milz als Yin-Organ mit zu viel Feuchtigkeit schnell überfordert ist. Ist die Milz geschwächt, bleibt die Feuchtigkeit gerne liegen und sinkt nach unten, wodurch auf Körperebene Wassereinlagerungen in Beinen und Knöchel, weißer Ausfluss, Zellulitis, Candida etc. entstehen können. Die Einlagerung von Feuchtigkeit ist das Resultat von einem Mangel an Qi und Yang im Mittleren Erwärmer.

Eine stimmige Ernährung im Spätsommer:

Im Spätsommer gilt es, die Aufmerksamkeit wieder mehr auf gekochte Mahlzeiten zu richten, damit wir gut und gestärkt in den Herbst starten können. Hier unterstützen dich:

  • Erdige Gemüse wie Karotten, Fenchel, Rote Beete, Kürbis, Süßkartoffeln
  • Gekochtes Kohlgemüse wie Kohlrabi, Wirsing, Rosenkohl, Blumenkohl, Brokkoli
  • Wärmendes Getreide wie Hafer, aber auch Buchweizen, Reis, Polenta und Hirse (wirkt trocknend)
  • Wärmende Gewürze wie Fenchel, Muskat, Kümmel, Koriander, Anis, Thymian, Oregano, Kardamom, sowie etwas Zimt, und Vanille

Die Erde ist also der Nabel der Wandlungsphasen. Sie macht alles rund. Durch sie werden wir genährt und durch sie lösen wir uns aus Verstrickungen und halten das Gedankenkarussel an. Die Erde umgibt uns nicht nur im Spätsommer sondern auch immer am Ende einer jeden Wandlungsphase. Außerdem ist sie Teil unseres gesamten zyklischen (Er)Lebens. Sie vereint als Brückenbauerin Yin und Yang.

So zelebriere die Erde und den Spätsommer als Teil der Schöpfung und als Phase des Übergangs um zu reflektieren: Wo stehst du heute und was möchte in die nächste Phase mitgenommen werden?

Photocredit: Pexels

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