Schlafstörungen in der TCM

von TCMlerin

Mir ist das Thema Schlaf ein persönliches Anliegen – vor allem weil ich als Mädchen viele Jahre unter massiven Einschlafstörungen litt nachdem sich meine Eltern trennten. Ich weiß was es bedeutet, im Bett zu liegen, Däumchen zu drehen und Dramen zu kreieren, weil der Schlaf um 3.00 Uhr morgens immer noch nicht in Sicht ist. Mit den Jahren erhielt ich aber auch einen anderen Zugang zum Schlaf. Aus Sicht des Yin ist die Pflege eines ausgewogenen Schlafrhythmus von großer Bedeutung für uns Frauen.

Die Schlafenszeit ist ein weiterer Kreislauf im großen Ganzen – Yin-Zeit: nichts tun müssen, empfangen dürfen, auftanken dürfen. All das ist vielen Frauen so fremd geworden. So selbstverständlich wie ein- und ausatmen, dürfen wir wieder „lernen“ einzuschlafen, um im Schlaf Verbindung mit unserer Essenz aufzunehmen, Botschaften zu erhalten und Heilung zu erfahren, damit wir am nächsten Morgen wieder genährt aufwachen.

Schlaf aus Sicht der TCM

Der Schlaf findet naturgemäß in der Yin-Phase des Tages, der Nacht statt. Es ist die Zeit, in der sich Körper und Geist regenerieren, geschädigte Zellen repariert und unser Immunsystem gestärkt wird. In der TCM gibt es viele Gründe, weshalb der Schlaf gestört sein kann. Aus TCM ist es oftmals der Shen, der nicht zur Ruhe kommen kann, weil das Yin das aufgewühlte Yang nicht bändigen kann. Egal ob es sich um einen Fülle- oder Mangelzustand handelt, letztlich kann jeder Grund für Schlaflosigkeit auf eine wesentliche Ursache zurück geführt werden: Yin-Mangel. Da der Schlaf ein sehr wichtiger Yin-Lieferant ist, ist es vor allem für uns Frauen essentiell, dass wir in der Yin-Phase durch den Schlaf unsere Yin-Speicher auffüllen.

Schlaf kommt dann, wenn er vom Yin willkommen geheißen wird.

Schlaf und Yin gehen Hand in Hand. Sie brauchen und bedingen einander. Der Schlaf benötigt genügend Yin-Energie, um sich über das Blut in ihm verankern zu können. Und das Yin wird durch den Schlaf genährt. Schlaf ist also ein Yin-Tonikum. Machst du die Nacht regelmäßig zum Tag, dann leert diese Routine auf Dauer auch deine Yin-Speicher – auch wenn du tagsüber deinen Schlaf findest. Das ist ganz wichtig zu wissen, falls du Schichtarbeiterin oder eine Nachteule bist. Naturgemäß ist es die Nacht, die das Yin nährt.

Der Schlaf und dein Herz

Das Organ, das in den meisten Fällen im Mittelpunkt von Schlafstörungen steht, ist unsere Kaiserin, das Herz. Das Herz ist dem Feuer-Element zugeordnet und steht für Aktivität, Lebendigkeit und pure Freude. Es besteht 90 % aus Yang und 10 % aus Yin. (Im Vergleich: Die Niere besteht aus 90 % Yin und 10 % Yang). Diese 90-10-Verteilung ist für das Herz perfekt. Denn das Herz braucht sehr viel Yang, weil es rund um die Uhr jede Menge leisten muss. Besonders empfindlich reagiert allerdings das Herz nicht auf Yang-Mangel, sondern auf Yin-Mangel – und das bereits, wenn ihm nur ein Bruchteil an Yin fehlt. Ebenso unruhig reagiert es, wenn ihm weniger Blut (Blut= Teil des Yin) zur Verfügung steht. Yin und Blut sind für das Herz die Kühlflüssigkeit. Fehlt sie ihm, läuft es heiß. Es reagiert mit innerer Unruhe, Nervosität, Flatterhaftigkeit, Konzentrationsschwäche, aber auch Erschöpfung.

Wenn das Yin fehlt, dann fällt es uns Abends schwer, vom Yang-Modus des Tages in den Yin-Modus des Abends hinüberzugleiten. Unterstützt wird dies noch mehr,  wenn wir Abends noch immer so aktiv sind wie tagsüber. Fernsehen, Bildschirmarbeit, aufwühlende Telefonate oder intensive Sporteinheiten werden oftmals noch in den Feierabend hineingepackt, weil der Tag bereits so gefüllt war mit sämtlichen Verpflichtungen. Und wenn du dann später im Bett liegst beginnen die Gedanken zu kreisen, das Herz klopft, eventuell kommen noch heiße Füße oder Nachtschweiß hinzu. Allesamt Anzeichen, dass das Yin nicht nicht Balance ist. Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Wichtig ist zu wissen, dass alles, was sich in der Nacht zeigt bzw. sich verschlimmert, ein Zeichen dafür ist, dass es im Yin eine Schwäche gibt.

Eine intensive Belastungsphase kann ausreichen, um das Yin oder auch das Blut so sehr zu schwächen, dass das Yin den Schlaf nicht mehr empfangen kann. Ich kenne sehr viele Frauen, die dauerhaft unter Schlafstörungen leiden – entweder weil sie nicht einschlafen können oder weil sie immer wieder aufwachen – oft auch zur selben Uhrzeit – und dann nicht mehr einschlafen können. Es sind zumeist Frauen, die in einem permanenten Defizit leben und ihre Ressourcen bis aufs Letzte erschöpft haben – ein Dilemma eines zu yangigen Lebensstils. Eine dauerhafte Anspannung (Yang) hält uns davon ab, zu entspannen (Yin). Es entspricht allerdings nicht dem weiblichen Sein, permanenten Druck zu erzeugen und auszuhalten. Es braucht den Flow, damit wir all unser (Er)Leben nicht nur konsumieren sondern auch wahrhaft erfahren und in die Tiefe bewegen.

Seelische Aspekte von Einschlafstörungen

Bei Einschlafproblemen geht es oft auch um mangelndes Vertrauen – in sich selbst und ins Leben. Frauen, die darunter leiden, nicht einschlafen zu können, tun sich meist auch in anderen Aspekten ihres (Er)lebens schwer, die Kontrolle abzugeben und sich fallenzulassen. Vertrauen und Loslassen sind ganz wesentliche Aspekte des Yin. Der Schlaf hat seine Wurzel in der Hingabe, welche das Yin ihm schenkt. Hingabe und Empfänglichkeit sind Anteile, die unserem naturgemäßen weiblichen Wesen entsprechen, die wir allerdings durch unseren yangigen Lebensstil vermehrt abspalten.

Damit wir den Schlaf empfangen können, braucht es unsere Hingabe. Diese erfordert wiederum, dass wir ruhig und still werden, damit wir in die Tiefe der Nacht hinabgleiten können – allesamt Aspekte des Yin. Erst dann kann das Yin den Schlaf empfangen. Es ist ein völlig natürlicher Prozess und naturgemäß in uns angelegt schlafen zu können. Möglicherweise braucht es oftmals nur unser Einverständnis, dass all diese Qualitäten durch uns wirken dürfen. Denn ein Baby kann sogar während des Essens einschlafen. Es ist stets in der Lage sich hinzugeben und einzuschlafen. Es gilt also in die Tiefe zu bewegen, was dich vom Einschlafen abhält?

So frage dich selbst:

  • In welcher Hinsicht und in welchen Bereichen deines (Er)Lebens fehlt es dir an Vertrauen?
  • In welchen Bereichen fällt es dir schwer dich fallenzulassen und dich hinzugeben?
  • Was in dir erzeugt Druck und Anspannung?
  • Wann fühlst du dich haltlos, ohnmächtig und ausgeliefert?
  • Fällt es dir leicht dich selbst zu behüten und das Feld für dich selbst zu halten, wenn du dich haltlos und nicht getragen fühlst?
  • Wie könntest du dich besser behüten und für dich da sein? Was wären konkrete Schritte?
  • Und anders betrachtet: Wann erlebst du dich kontrollierend?
  • Wie erlebst du dich, wenn du die Kontrolle loslässt?
  • Was wären erste Schritte um Druck in Entspannung zu wandeln? Was würde dein (Er)Leben erleichtern?
  • Und wie könntest du diese Erkenntnisse in Form von Veränderung in dein Leben hinein tragen?
  • Wie könnte das konkret aussehen?
  • Ein Schattenaspekt von uns Frauen ist die Aufopferung. Kann es sein, dass du dich desöfteren in der aufopfernden Rolle erlebst – für deine Kinder, deinen Mann, in deinem Beruf? Welche Erkenntnisse gewinnst du daraus? Und wie könnten erste Schritte aussehen – hin zu mehr Selbstfürsorge?
  • In welchen Bereichen deines Lebens sind Geben und Empfangen nicht in Einklang?

Das Yang-Dilemma

Es ist wichtig zu verstehen, dass der Abend nicht dazu dient, Körper und Geist weiterhin so zu beschäftigen wie am Tag. Wenn du Abends in den Wald gehst, dann wirst du kaum noch Geräusche hören. Es wird stiller. Manche Blumen schließen ihre Blüten. Du wirst auch kaum noch Insekten sehen. Die Natur lebt es uns vor. Wir haben jedoch verlernt mit der Natur zu sein. Die Technik und die Digitalisierung machen es möglich, dauerhaft online zu sein, dauerhaft berieselt zu werden. Und das künstliche Licht – vor allem in den Städten – beeinflusst unsere Verbindung zum Mond und zu den Gestirnen auf die Art und Weise, dass wir nicht mehr mit ihnen schwingen.

Es ist unser Zeitgeist des „Höher, schneller, weiter“, der uns Frauen immer mehr in yangige Verhaltensweisen und Lebensstile drängt. Wir sind uns dessen nicht immer bewusst, weil wir in dem Hamsterrad oftmals nicht innehalten. So verlieren wir den Kontakt zu unserem innersten Wesen. Die Leere, die viele Frauen spüren, die Sinnlosigkeit, aber auch eine gewisse Resignation sind Aspekte davon, dass wir uns wider unserer Natur durch unser Leben bewegen. Und dieser Widerstand gegen den Fluss des Yin zeigt sich durchaus auch körperlich. Schlafstörungen sind nur ein Teil davon. Es gibt zahlreiche Kräuter und Mittelchen, die bei Schlafstörungen helfen – angefangen von Hopfentee über Baldrian und und und. Diese helfen auch symptomatisch. Damit ist aber der Kern nicht behandelt – der yangige Lifestyle, der uns den Atem raubt und uns unter Umständen nachts nicht schlafen lässt. Es ist ein komplett neues Programm, das Yin vor das Yang zu stellen. Dies braucht einen langen Atem und ein stetiges Dranbleiben, damit wir Frauen unser alltägliches (Er)Leben wieder naturgemäß nach dem Yin ausrichten können.

Wir Frauen sind Tiefseetaucherinnen. Wir können in unsere eigene Tiefe hinabtauchen und dort wahre Schätze bergen. Aber zunächst braucht es das Hinabtauchen in dunkle Ecken und Höhlen. Damit sich etwas verändern kann, braucht es zunächst die Erkenntnis und dann die Bereitschaft diese Erkenntnis durch unser Tun zu wandeln. Denn unsere Seele möchte wachsen. Wenn du spürst, dass es da etwas in dir gibt, das dich offensichtlich vom Schlafen abhält, dann ist dies die Einladung deines Körpers an dich, danach zu forschen, was es braucht damit du wieder in Balance kommst. Vielleicht holst du dir dazu Hilfe – gerade dann, wenn du glaubst, alles alleine schaffen zu müssen. Auch dies ist ein weiblicher Schattenaspekt und eine Strategie des Yang. Denn Yin wählt stets die Verbindung.

Mehr? Gerne: